Im November 1935 kehrte sein Vater von einem Viehverkauf aus Metternich blutend nach Hause zurück. Er war von dem Straßenwärter Wilhelm Winter schwer misshandelt worden. Der Täter wurde 1950 wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 8 Monten Gefängnis verurteilt. Am 10.Dezember 1937 wurde Siegfrieds Vater die Zulassung als Viehhändler entzogen. Siegfried war fast 4 Jahre alt, als am 10.11. 1938 die Synagoge brannte. Immer häufiger hörte er von Nachbarn, die endlich alle Papiere und das Geld zusammen hatten, um wegzugehen. Auch sein Vater war nach dem 9. November zwei Mal in Stuttgart im amerikanischen Generalkonsulat, ohne Erfolg. Jüdische gleichaltrige Kinder gab es in Münstermaifeld nicht mehr. Am 20. Dezember 1938 wurde in Siegfrieds Geburtsurkunde der Zwangsvorname Israel eigetragen.
Seit dem 11.04. 1940 befand sich Siegfrieds Vater in Koblenz in Schutzhaft, Siegfried sah ihn nie wieder. Der einzige Kontakt war ein Briefaustausch alle 14 Tage. Immer wieder nahmen Soldaten in der Stadt Quartier, polnische und französische Kriegsgefangene arbeiteten auf den Feldern. Der erste Schultag 1942 war der 18. August. Die jüdische Schule in Mayen gab es nicht mehr. Der letzte Lehrer Albert Levi hatte am 14 Januar 1939 Deutschland verlassen, es gab keinen Nachfolger. In Düsseldorf lebten Siegfrieds Onkel Albert und seine Tante Johanna in der Dorotheenstraße 83. Siegfried wurde am 26.08.1941 aus Münstermaifeld nach Düsseldorf an die Adresse Grafenberger Allee 78 abgemeldet. Hier war die Notunterkunft der Jüdischen Schule. Die Kinder, die wie Siegfried von auswärts kamen, wurden in dem Gebäude auch untergebracht und verpflegt. Am 20.10.1941 wurden sein Onkel und seine Tante gezwungen ihre Wohnung in das Judenhaus Teutonenstraße 9 zu verlassen. Seit dem 19. September musste Siegfried den gelben Stern tragen. Am 30.10.1941 wurde Siegfried in Düsseldorf nach Münstermaifeld abgemeldet. Wann er von der Deportation seiner Verwandten aus Düsseldorf nach Minsk am 10.11.1941 erfahren hat, ist nicht bekannt.
Siegfried kehrt in das Haus Plligertorstraße 10 zu seiner Mutter, Schwester und Großmutter zurück. Noch 15 Mitglieder der jüdischen Gemeinde lebten in der Stadt. Nach dem 3. Januar 1942 blieb mit dem Verbot jeder Auswanderung nur noch Verzweiflung. Die Verwaltung des Lebens in der Stadt funktionierte noch. Am 28.11.1941 wurden 2 jüdische Ehen standesamtlich geschlossen. Es blieb für alle nur ein Warten in Ungewissheit. Ob noch Nachrichten von Siegfrieds Vater kamen, er war von Sachsenhausen nach Ravensbrück verlegt worden ist unbekannt Über den Zeitpunkt seines Todes gibt es Ungewissheit. Wenn er am 25. März 1942 in die Tötungsanstalt Bernburg verlegt wurde, ist dies auch sein Todestag. Dem widerspricht ein Eintrag in seiner Heiratsurkunde vom 21. Juli 1942, dass er am 8. Juni in Ravensbrück verstorben sei. In der Plligertorstraße 10 erfuhren Siegfried, Lilli und ihre Mutter Berta, dass sie für einen Transport am 30.April 1942 in das Durchgangsghetto Krasniczyn vorgesehen waren. So wie Siegfrieds Großmutter Janchen Wolf blieben noch 4 weitere alte Frauen in der Stadt. Sie wurden am 26.061942 in das Judenhaus Schweizgasse 4 gezwungen und am 27.07.1942 nach Theresienstadt deportiert. Münstermaifeld war “Judenfrei“.
Der Transport mit Siegfried erreichte nach 4 Tagen am 3. Mai 1942 Krasniczyn. Wir wissen nicht, wer von den 770 Deportierten den langen Transport nicht überlebt hat, Opfer der schrecklichen Bedingungen des Ghettos wurde oder in einem Vernichtungslager ermordet wurde.
Wolfgang Fuhrmann
Bilder zum Konzert vom 13.09.2026: Ruth Cremer, Ulrike Eiz-Eichler
