Bornstraße

Wir verlassen am Markt die Obertorstraße und erreichen in der Bornstraße das Haus Nr. 3. Das heutige Haus Bornstraße 3 war seit 1671 in jüdischem Eigentum. Seit dieser Zeit bis 1886 befand sich hier der Betsaal der Juden Münstermaifelds. David Diewald (1845-1922), der Cousin des Samuel Diewald (Frankenstraße 13) hatte das Haus 1910 gekauft, erweitert und umgebaut. Seit 1913 befand sich hier die Metzgerei seines Sohnes Moritz (*15.07.1881), die er zusammen mit seinem Bruder Siegfried (* 05.08.1876) führte. Siegfried war vorrangig im Viehhandel tätig. Moritz Diewald heiratete 1917 als Soldat im Krieg Selma Wartensleben, *07. April 1890 in Ober-Ramstadt. Selmas Familie spielte im Gemeindeleben von Ober-Ramstadt eine bedeutende Rolle. So wie sie wurden ihre Eltern Thekla und Joseph, sowie zwei ihrer 6 Geschwister, Elsa und Meta, ermordet. David Diewald, der erst Ende des 19. Jh. aus Wierschem nach Münstermaifeld gekommen war, wie auch seine Söhne Moritz und Siegfried, setzten sich, als Vorsteher für den Bestand der Synagogengemeinde Münstermaifeld ein. Ihnen war es zu verdanken, dass die Stadt sich an der Bezahlung eines Religionslehrers für die schulpflichtigen Kinder der Gemeinde beteiligte. Moritz und Siegfried kämpften 1914-1918 als Soldaten für Kaiser und Vaterland. David Diewald hatte 6 Söhne. Moritz, war vom 21. August 1940 bis zum 02. September 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Am 03. September 1940 in das Lager Dachau überführt, wurde von dort sein Tod am 13. Februar 1941 gemeldet. Sein Bruder Siegfried wurde 1942 an einem unbekannten Ort ermordet. Auch der Bruder Julius (* 06.11.1873), der zuletzt in Stuttgart lebte, wurde Opfer des Holocaust. Zunächst am 22.August 1942 nach Theresienstadt deportiert, kam er am 29. September in das Vernichtungslager Treblinka. Er diente als Soldat im 1. Weltkrieg in der Armee des Königreichs Bayern. Die Brüder Joseph (*21. 06.1878-) und Hugo (*01.05.1880-) waren schon im 19. Jh. in die USA ausgewandert, Siegismund (*27.11.1874-31.01.1962) konnte sich noch 1941 über Lissabon in die Vereinigten Staaten retten. Seit 1936 waren Moritz und Siegfried Pressionen gegen die Weiterführung ihres Geschäftes ausgesetzt. Vom August bis Oktober 1936 wurden sie wegen des Verdachtes auf Schwarzhandel überwacht. Zu den Schikanen zählte auch die Sperrung eines Durchganges zu ihrer Metzgerei, um Kunden, die dem Boykottaufruf nicht folgten, besser überwachen zu können. Am 29. Juli 1937 wurde die Schließung der Metzgerei wegen Hygienemängeln angeordnet. Die Brüder setzten sich vehement zur Wehr. Zunächst ohne Erfolg. Das Inventar war schon verkauft, als sie am 1. Februar 1938 aus Koblenz die Rücknahme der Anordnung zur Schließung erreichte. Zu dem verkauften Inventar des aufgegebenen Geschäftes gehörte ein Schrank, der auf offenem Wagen vor der Propstei eine Zeitlang abgestellt worden war. Der SA Sturmführer P.S. begann den Schrank mit einer Axt zu zerstören. Zur Rede gestellt, warf er dem Käufer vor, den Schrank von dem Juden Moritz Diewald erworben zu haben. Am 10. November 1938, dem Tag der Schändung der Synagoge, wurde auch das Schaufenster der schon aufgegebenen Metzgerei der Diewalds  eingeschlagen. Die Tochter von Moritz und Selma, Hilde (*05. März 1920), hatte am 28. November 1941 Herbert Löwenstein aus Hambuch geheiratet. Ihr Onkel Siegfried und Adolf Bender waren Trauzeuge. Im Anschluss an diese Hochzeit heirateten auch Gerda Marx, die Tochter der Amalie Marx, und Robert Hessel aus Kaisersesch. Die Trauzeugen waren wieder Siegfried Diewald und Adolf Bender. Auch für Gerda Marx wird die Bornstraße 3 als Wohnadresse angegeben. Die beiden Treuzeugen und Robert Hessel waren die letzten jüdischen Männer in Münstermaifeld. Als Wohnsitz ist auf der Heiratsurkunde für Hilde und Siegfried die Bornstraße 3 eingetragen.  Das Gedenkbuch des Bundesarchivs führt Hilde Löwenstein nicht unter den Opfern, wohl aber das Holocaust Memorial Museum in New York. Es gibt keinen Grund nicht von ihrer Ermordung nach der Deportation auszugehen. Am 14.04.1942 ging Selma Diewald zusammen mit ihrer Tochter Hilde nach Hambuch. Sie wurde von Dortmund aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Am Tag ihres Wegganges aus der Bornstraße 3 war ihr Schwiegersohn Herbert Löwenstein in Hambuch verhaftet worden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass nach dem 14.04.1942 zusammen mit Selma auch Hilde und ihr Mann Herbert Löwenstein nach Auschwitz deportiert wurden. Der Tod des Herbert Löwenstein in Auschwitz ist durch Dokumente (Häftlingsnummer 68562 – 1. 1942-12-05, Auschwitz) und die Gestapokartei belegt. Demnach wurde er am 14.04.1942 in Hambuch wegen unerlaubten Besitzes eines Fahrrades festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Sein Tod dort wurde von der Gestapo für den 10.12.1942 vermeldet. Die Löschung seines Namens im Gedenkbuch beruht auf der Erzählung einer Frau aus Hambuch, die den Herbert Löwenstein in der Person eines Heinrich Friedrich John, nach abenteuerlicher Flucht aus dem Transport nach Auschwitz, in Duisburg als Heinrich Friedrich John wiederauferstehen ließ. Besagter Heinrich Friedrich John wurde am 18. Januar 1912 in Duisburg geboren und hat nichts mit dem Herbert Löwenstein aus Hambuch zu tun. Der Sohn von Moritz und Selma, Egon, *07.12.1923, war, geistig und körperlich behindert, am 27.02.1939 in Ober-Ramstadt gestorben.. In diesem Haus wurden jüdische Frauen ohne Bleibe für eine Zeit zusammengeführt. Setta Diewald, Amalie Marx und Gerda Hessel sind unter dieser Adresse zu finden.

 

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