Pilligertorstraße

Wir bleiben an der Stadtmauer in Nachbarschaft des Bur, der städtischen Brunnenanlage. Das Haus Nr.10 (1) steht auf einem Gelände, auf dem sich bis 1840 eine Hofanlage befand, die zum Besitz des Stiftes gehörte. Dieses Haus befand sich im Eigentum nachfolgender jüdischer Familien. Bis 1899 war Alexander Oster der Eigentümer, dann folgte Hermann Kaufmann, der auch das Haus in der Untertorstraße 9 besaß. Er war Metzger. Nach ihm folgte der Viehhändler Viktor Kaufmann, dessen Sohn Siegmund (2), in Münstermaifeld geboren, 1938 von Frankfurt nach Frankreich flüchtete und in Paris als Metzger arbeitete. Nach der Besetzung Frankreichs wurde er in das Sammellager Drancy und von dort nach Majdanek deportiert. Sein Tod dort wurde unter dem 04.03.1943 gemeldet. Seine Frau Mathilde und seine Tochter Margot konnten sich retten, sie emigrierten nach dem Krieg in die U.S.A. Von Viktor Kaufmann übernahm Ferdinand Diewald das Haus, dessen Sohn Oscar von Aachen aus sich mit seiner Frau Alice über Rotterdam 1939 in die U.S.A. retten konnte. Als letzter lebte seit 1930 Alex Kaufmann (3), auch er Viehhändler, in diesem Haus. Alex Kaufmann (*18. April 1887), der Sohn des Samuel Kaufmann (1849-1918) und der Lina Stern (1855-1913) hatte das Haus in der Pilligertorstraße 1930 übernommen. Er handelte, wie sein Vater, mit Vieh. Von den verschiedenen Zweigen der Kaufmann Familie in Münstermaifeld, die alle seit 1808 in der Stadt nachweisbar sind, ist die Familie seines Vaters Samuel die einzige, die durch den Holocaust vollständig ausgelöscht wurde. Die Familien der in Münstermaifeld ansässigen Geschwister des Samuel, David Rudolf (1851-1934) und Bertha (*15.07.1853-+03.08.1942 Theresienstadt) konnten mit Hilfe der im 19. Jh. nach England ausgewanderten beiden anderen Brüder und ihrer Familien, Siegismund (1855-1942) und Simon (1855-1897) ihre Kinder und Enkelkinder retten. Alex Kaufmann, der als Soldat 1914-1918 seine Pflicht tat, musste nach dem Tod seiner Mutter Lina 1913 und seines Vaters Samuel 1918 die Verantwortung für seinen Bruder Bernhard übernehmen, der seit 1907 in den Heilanstalten Andernach und Bendorf-Sayn untergebracht war. Die Lasten der Versorgung konnte bis 1933 die Familie nach Armenrecht nur mit Hilfe öffentlicher Unterstützung tragen. Alex Kaufmann war nach einem Freispruch mangels Beweisen in einem gegen ihn angestrengten Betrugsverfahren am 05.06.1940 in Schutzhaft genommen worden. Er befand sich seit dem 21.08.1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen, anschließend in Ravensbrück. Dem dortigen Frauenlager war seit April 1941 ein Männerlager angegliedert. Am 25.3.1942 wurde er in die Tötungsanstalt Bernburg/Saale überführt. Die Gestapo meldete seinen Tod im Konzentrationslager Ravensbrück am 08. Juni 1942. Jüdische Häftlinge wurden aus Ravensbrück zur Ermordung nach Bernburg, das über eine Gaskammer verfügte, abtransportiert. Alex Kaufmann war Ende des Jahres 1935 auf dem Rückweg von Metternich nach Münstermaifeld von dem Straßenwärter Winter schwer misshandelt worden. 1949/50 musste sich Winter wegen der Tat vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Er wurde am 16. Juni 1950 wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Alex Ehefrau Berta Wolf, *07. Januar 1897 in Mertloch, wurde 1942 an einen unbekannten Ort deportiert und ermordet. Von den sieben Geschwistern der Berta wurden zwei, Rosa und Albert, ebenfalls Opfer des Holocaust. Die Mutter der Berta Kaufmann, Jannchen Wolf, lebte nach dem Tod ihres Mannes 1927 bei ihrer Tochter in Münstermaifeld. Jannchen Wolf, geb. Isselbächer *22.01.1856 in Isselbach, war mit dem Metzger Bernhard Wolf in Mertloch verheiratet. Sie war 86 Jahre alt als sie am 26.06. 1942 in das “Judenhaus“ in der Schweizgasse eingewiesen wurde. Von hier aus wurde sie am 27.07.1942 nach Theresienstadt deportiert. Ob dies auch ihr Todesort ist, ist unbekannt. Alex Bruder Bernhard (*29.07.1899) wurde am 15. Juni 1942 nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Seit 1907 befand er sich mit kurzen Unterbrechungen in der Heil und Pflegeanstalt Andernach. Am 06.07. 1933 wurde er als nicht geheilt in die israelitische Heil-und Pflegeanstalt nach Sayn verlegt. Von hier meldete der leitende Arzt der Anstalt, Dr. Jacoby, gemäß dem “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am 13.06.1933 seine Ankunft dem Gesundheitsamt in Koblenz mit dem Vermerk “keine Nachkommen zu erwarten“. Das heißt, Bernhard Kaufmann wurde vermutlich nicht zwangssterilisiert. Während seiner kurzen Aufenthalte in Münstermaifeld hielt er sich im Haus der Eltern und seit 1918 bis 1930 seines Bruders Alex in der Bornstraße 114 auf. Das Haus wurde nach dem Krieg abgerissen. Offensichtlich war Bernhard nicht handlungsfähig und nicht rechtsmündig. Es spricht deshalb alles dafür, an ihn vor dem Haus seiner Familie zu erinnern. Alex Schwester Mathilde(4), (*05.07.1885,) und sein Schwager Alex Löwenstein (*14.10.1869) wurden am 30. April 1942 nach Zamosz deportiert und dort getötet. Die Kinder von Alex und Berta, Siegfried (*05. Oktober1934) und Lilli (*13.11.1936) wurden ebenfalls Opfer des Holocaust. Von Siegfried wissen wir, dass er vom 26.08.-06.11.1941 in Düsseldorf, Grafenberger Allee 78, in der jüdischen Volksschule untergebracht war. Hier warteten 15 Männer und Frauen auf ihren Abtransport nach Minsk, der am 10.11.1941 erfolgte.  Auch Siegfrieds Onkel Albert Wolf lebte in Düsseldorf, er wurde ebenfalls nach Minsk deportiert. Siegfried kehrte nach Münstermaifeld zurück. Ob es ein gescheiterter Versuch war, ihn in Sicherheit zu bringen, ist nicht klar. Sein Vater war zu dieser Zeit in Sachsenhausen oder Ravensbrück, seine Mutter Berta lebte noch in der Pilligertorstraße 10. Nach dem Gedenkbuch des Bundesarchivs wurde Siegfried 1941 an einen unbekannten Ort deportiert. Wenn es zutrifft, dass die Deportation der Mutter Berta 1942 erfolgte, erscheint dieser Zeitpunkt wenig wahrscheinlich. Es ist anzunehmen, dass er zusammen mit seiner Mutter deportiert wurde. Wir wissen nicht, wo sich seine Schwester Lilli zu dieser Zeit aufhielt, nicht einmal ob sie noch lebte. Die letzte Nachricht von ihr ist vom 01.03.1939 mit der Meldung ihrer Ausreise. An diesem Tag verließen Berta und Johanna Kaufmann, die Töchter von Lillis 1934 verstorbenem Großonkel David Rudolf, Münstermaifeld. Sie konnten sich in England retten. Von Lilli finden sich nirgends Spuren. Weder konnte eine Flucht noch eine Deportation der Dreijährigen nachgewiesen werden. Das gilt auch für die Kindertransporte nach England, wo ihre Verwandten lebten. Dennoch sollte vor der Pilligertorstraße 10 an sie erinnert werden. Was auch immer mit der dreijährigen Lilli geschah, sie wurde Opfer der Verfolgung. In den Transportlisten der Deportationszüge finden sich 3118 Kinder von Siegfrieds Geburtsjahrgang 1934 und 2704 Kinder des Geburtsjahrganges von Lilli, 1936. Wir müssen Siegfried und Lilli mit ihrem Schicksal den Zahlen dieser Kindermorde hinzufügen.  Auf der Einwohnermeldekarte der Mutter, Berta Kaufmann, die mit dem Vermerk “verzogen“ abgeschlossen wurde, findet sich für die beiden Kinder Siegfried und Lilli keinerlei Angabe zu ihrem Verbleib.
Auf dem Gelände des Hauses Nr. 10 stand ein Ende des 19. Jh. abgerissenes Haus, das dem Schneidermeister Wilhelm Schwab gehörte. Hier lebte zur Miete der Sattler Benjamin Kaufmann, mit seiner Familie. Sein 1835 geborener Sohn Salomon war 1860 nach Paris ausgewandert, wurde hier zum Sozialisten und 1869 wegen antiklerikaler Agitation des Landes verwiesen. Er ging nach England und gründete eine Fabrik für Geschenkartikel. Gleichzeitig schrieb er für die mit dem Sozialistengesetz 1878 verbotenen Zeitungen “Freiheit“ und “Der Sozialdemokrat“. Bei einem Besuch seines Vaters in Münstermaifeld wurde er verhaftet und vor dem Reichsgericht in Leipzig wegen “Hochverrats“ angeklagt. (5) Die Anklageschrift gegen den “Schachtelmacher und Literaten“ Salomon Kaufmann lag Bismarck zur Kenntnisnahme vor. Dank seiner geschickten Verteidigung musste er freigesprochen werden. Er starb 1903 in London.
In diesem Haus wurde auch der Neffe des Salomon, Karl, geboren, der 1942 in Theresienstadt ermordet wurde. Dr. Karl Kaufmann war der Sohn von Max Kaufmann, dem Bruder des Salomon, der in Frankfurt/M nach seinem Weggang aus Münstermaifeld, als Synagogendiener angestellt war.

Die Numerierung der Bildhinweise im Text entspricht der Bildfolge von links.